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Radreisepremiere in Ghana

 

Staubig, steinig und steil ist der Weg, der sich zwischen Bananenplantagen und Urwald hindurchschlängelt. Schweiß und Pistenstaub bedecken die Haut mit einem Überzug wie Schmirgelpapier. Das GPS zeigt noch etwa 20 Kilometer bis Dunkwa an. Es ist später Nachmittag, ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, auf keinen Fall wollen wir in die Dunkelheit fahren. Die Aussicht auf eine Dusche und ein kaltes Bier sind Motivation, die letzten Kräfte zu mobilisieren. Da, endlich die Straße! Erschöpft, aber hoch zufrieden rollen wir nach 110 Kilometern auf das Hotel zu. Wir haben unsere Feuerprobe bestanden.

 

Schiebeeinsatz: Zum Glück eine der wenigen sandigen Stellen

 

 

Mit dem Fahrrad durch Ghana? Ihr seid ja bekloppt!“ sagen Freunde, als wir von unseren Reiseplänen berichten. Mit unseren Motorrädern haben wir bereits halb Europa, Südamerika und Afrika bereist. In den entlegendsten Gegenden haben wir dabei Fahrradfahrer getroffen. Insgeheim haben wir diese scheinbar Verrückten immer bewundert. Mit welcher Ausdauer, Zähigkeit und Leidensfähigkeit muss jemand ausgestattet sein, um in Patagonien und im Altiplano Argentiniens, in Algerien oder Timbuktu Fahrrad zu fahren? Faszination, Neugier und eine Portion Mut haben uns dazu bewogen, es selbst auszuprobieren.

 

Was Reisen mit dem Fahrrad betrifft, sind wir also Greenhorns. Warum soll unsere erste Fahrradreise gleich solch eine „Extremtour“ werden? Warum nicht erst einmal Donauradweg oder Altmühltal? Wir kennen Westafrika von Motorradreisen und finden die Idee gar nicht so abwegig. Das westafrikanische Land Ghana hat ein relativ gut entwickeltes Straßennetz, es gilt politisch als sicher, ist nicht allzu dünn besiedelt und zudem englischsprachig. Dazu ist es warm und im Winter trocken. Wir streichen unsere Ausrüstungsliste rigoros auf das absolut Notwendige zusammen und kommen auf 12 bzw. 14 kg Gepäck, inklusive Campingausrüstung.

 

Nicht viel los ist auf den Piste nach Dunkwa

 

 

Mit den riesigen Fahrradkartons und unseren Taschen kommen wir in Ghanas Hauptstadt Accra an. Das Hotel haben wir von Deutschland aus vorgebucht und mitgeteilt, dass wir viel Gepäck haben und am Flughafen abgeholt werden möchten. Tatsächlich wartet ein Hotelangestellter bis spät in die Nacht auf uns. In seinem alten Nissan Micra finden die Fahrradkartons, das Gepäck, der Fahrer, Carsten und ich Platz. Akwaaba – Willkommen in Afrika!

 

Die ersten Tage lassen wir es langsam angehen mit Tagesetappen von 70 Straßen-Kilometern, um uns an die Hitze und die körperliche Belastung zu gewöhnen. Schnell finden wir den Rhythmus, genießen es, unterwegs zu sein. Unsere Bedenken über die Versorgungslage sind unbegründet, in jedem Dorf gibt es entkeimtes Wasser zu kaufen und Frauen bieten am Straßenstand Reis mit Soße aus großen Töpfen an. Davon und vom Angebot köstlicher tropischer Früchte machen wir rege Gebrauch. Auch die Quartiersuche ist problemlos. In jedem größeren Ort gibt es eine einfache Herberge, teilweise mit landestypischer „Dusche“ aus dem Plastikeimer.

 

Obstverkäuferin: Freundliche Kontakte unterwegs

 ein Stück mit Einheimischen zu radeln gibt die Gelegenheit, bei einem Schwätzchen mehr über einander zu erfahren

Leckere Bananen und Ananas werden überall verkauft

 

Nachdem wir die Küstenstraße verlassen haben, gibt es kaum noch Autoverkehr. Mit einem völlig überladenen LKW liefern wir uns packende Rennen, bergauf ist der Brummi kaum schneller als wir, bergab sausen wir an ihm vorbei. Nur vor den Bussen müssen wir uns in Acht nehmen, die kennen keine Gnade.

 

Alles gut gesichert? Derart überladene LKW sind kaum schneller als wir

Wenn die Straße aufhört…

Welcome“ und „safe journey“ rufen uns die Einheimischen in den Dörfern zu. Sie sind erstaunt und begeistert, dass wir ihr Land mit dem Fahrrad bereisen. Die Begegnungen sind stets freundlich und herzlich. Als Fahrradfahrer fallen wir trotz unserer Hautfarbe nicht so sehr auf und können uns frei umsehen. Mit dem Motorrad hingegen waren wir immer von einer Menschentraube umringt, die uns betrachtete wie Außerirdische. Die Leute können sich viel eher vorstellen, was es bedeutet, mit dem Rad von Ort zu Ort zu fahren. Das schafft Sympathie und Nähe und hilft, Vorurteile vom reichen, überheblichen Weißen abzubauen.

 

Kinder fragen neugierig: „Woher kommt ihr? Wohin fahrt ihr?

 

 Jeden Abend, wenn wir über die Straßenkarte gebeugt die Strecke für den nächsten Tag planen, macht sich ein Gefühl von Stolz und Stärke in uns breit. Wie viel Strecke wir schon aus eigener Kraft bewältigt haben! Wir schöpfen Selbstvertrauen, die Tagesetappen werden länger und Pisten verlieren ihren Schrecken.

 

Staubige Angelegenheit: Piste im Norden zwischen Yendi und Bimbila

 

Morgens um sieben in einer ghanaischen Kleinstadt: Der Frühstücksstand ist Treffpunkt für Taxifahrer, Lehrer, Verkäufer und Bauern. Nescafé mit viel Milch und Zucker, Omelett mit Brot und Porridge bilden eine gute Grundlage für den Tag auf dem Rad. Wir verlassen die Stadt gemeinsam mit etlichen Einheimischen, die auf dem Weg zur Arbeit sind. Mit ihren klapprigen Hollandrädern und Flipflops an den Füßen legen die Ghanaer ein beachtliches Tempo vor. Bis zu 20 Kilometer fahren sie jeden Tag zu ihren Feldern hinaus. Neugierig fragen sie uns aus, fotografieren uns mit ihren Handys, und auch wir erfahren so einiges über das alltägliche Leben in Ghana. Einer nach dem anderen biegt auf sein Feld ab.

 

Morgens fahren viele aus dem Dorf auf ihre Felder

 

 Dann sind wir alleine. Fast lautlos rollen wir dahin, eine Wohltat für die vom deutschen Wohlstandslärm gestressten Ohren. Wir passieren eine Schule, in der die Kinder im Chor das Gelernte aufsagen. Aus einer Kirche dringen Gesang und Trommelrhythmen. Wir hören das knackende Feuer eines nahen Buschbrands. Zum ersten Mal nehmen wir akustische Eindrücke eines Landes so intensiv wahr. Wir erleben das Land mit allen Sinnen, sind nicht nur Zuschauer, die viel zu schnell an den Details vorbeirauschen, die das Land ausmachen.

 

Kirche zum Mitmachen: Einheimische laden uns zum Gottesdienst ein

 

 Fast immer hätten wir die Möglichkeit, in einem Tro-Tro mitzufahren. Diese Sammeltaxis verbinden alle größere Orte im Land miteinander und sind das meistgenutzte Verkehrsmittel. Vollgestopft mit Menschen und Gepäck sind diese meist altersschwachen Kleinbusse, und darin einmal mitzufahren ist ein ganz besonderes Erlebnis. Als Europäer kann man sich nur wundern, dass angesichts der völlig überladenen Busse und waghalsigen Gepäckbefestigungen nicht mehr Unfälle passieren. Wir sind froh, dass wir Fahrräder dabei haben und nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. So haben wir viel Kontakt zu Land und Leuten, sind aber nicht wie Backpacker auf Tro-Tros und afrikanische „Pünktlichkeit“ angewiesen. Mobil und autark unterwegs zu sein, gibt uns ein herrliches Gefühl von Freiheit.

 

Tro-Tros heißen die Sammeltaxis, die größere Ortschaften miteinander verbinden. Sperriges Gepäck wie Fahrräder werden aufs Dach geladen

 

 Östlich des Voltastausees warten die größeren Herausforderungen auf uns: Lange Etappen auf roten, teilweise ruppigen Pisten und weit verstreute Dörfchen mit spärlicher Versorgung. Im Grenzgebiet zu Togo erfordern steile Passsträßchen eine gute Kondition. Doch wenn das Vorderrad abhebt, hilft nur noch schieben.

 

 unterwegs im Südosten

Im nordöstlichen Ghana gibt es noch keine Straßen (Bimbila)

 

 Nach vier Wochen und fast 1.500 Kilometern rollen wir wieder auf die Hauptstadt Accra zu. Dem hektischen Großstadtverkehr entgehen wir elegant, indem wir ein Taxi nehmen, das uns zum Hotel bringt.

 

Fazit: Keine Extremtour, kein Survivaltrip, keine Expedition ins Ungewisse. Stattdessen haben wir eine entspannte Reise erlebt und viele fantastische neue Erfahrungen gemacht. Die überwältigende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, ihre Gelassenheit und die typisch afrikanische Einstellung „Geht nicht – gibt´s nicht“ haben diese Tour nach Westafrika zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht.

 

Picknick unterwegs

Nationalstolz: Zum Africa Cup of Nations, der afrikanischen Fußballmeisterschaft schmücken sich alle in Nationalfarben

 

 

 

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