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Hupen und Winken

Regen trommelt gegen die Scheiben, draußen ist Weltuntergang, die Straßen sind überflutet. Wir sitzen im Bus, der uns von Dubai nach Muscat bringt, und rümpfen die Nasen. Auf Regen sind wir gar nicht eingestellt. Am nächsten Morgen reißt die Wolkendecke auf und die Sonne zeigt sich. Muscat, Mutrah, Ruwi, es herrscht viel Verkehr in der Hauptstadtregion, und wir sind mittendrin. Zum Glück sind die Omanis recht rücksichtsvolle Autofahrer. Dazu sind sie auch sehr freundliche Leute, die immer hupen und winken, wenn sie etwas Unbekanntes sehen. Zum Beispiel zwei Radfahrer. Amüsiert fahren wir durch ein ständiges Hupkonzert und heben die rechte Hand zum Gruß. Ein Autofahrer tuckert neben uns her, fragt, woher wir kommen, wohin wir fahren, und schenkt uns eine Nationalfahne, die sofort am Gepäckträger befestigt wird.

 

Die Küsten-Autobahn nach Osten ist schon fertig, aber noch nicht für den Verkehr freigegeben. Freie Fahrt für Fahrradfahrer, auf nagelneuem Teer rollen wir dahin, der Wind schiebt uns kräftig an. Auf der Gegenspur ist ein anderer deutscher Reiseradler unterwegs, beinahe wären wir an ihm vorbei gerauscht. Ein Betonplattensträßchen führt sehr steil hinab ins Wadi Shab. Schön grün ist es hier, Palmen, Wasser, schroff aufragende Berge. Nach Baden ist uns jedoch nicht zumute, so warm ist es nicht, lieber gleich zum nächsten indischen Restaurant, für umgerechnet ein paar Euro werden wir beide satt.

 

In Sur ist Leben in der Stadt, Geschäfte und Markt sind geöffnet, wir erkunden das örtliche Angebot bis spät in den Abend. Von Autozubehör bis Zoohandlung gibt es hier alles. Auch in Punkto Lebensmittel muss man auf nichts verzichten, dänische Butterkekse, Milchreis, Pralinen – nur Schweinefleisch und Alkohol gibt es nicht.

 

Gut gestärkt treibt uns der Rückenwind zum Ras Al Jinz, dem Schildkrötenstrand. Diese Gegend ist dünn besiedelt, und nur wenige hupende, winkende Omanis begegnen uns. Das Camp 5 km vor dem Dorf hat geschlossen, im Ort stürmen wir die indische Imbissbude. Das neue Visitor Centre mit Hotel wirkt in diesem kleinen Dorf wie ein Fremdkörper. Wir schlagen unser Zelt etwas außerhalb an einer Hügelkette auf. Die Ranger führen uns abends zum Schildkrötenstrand und geben strikte Anweisungen: nicht reden, Taschenlampen und Fotografieren verboten. Die Tiere sollen so wenig wie möglich gestört werden. Wir beobachten Meeresschildkröten bei der Eiablage, ihrem mühsamen Weg zurück ins Meer, und winzige Schildkrötenbabys, die zum Wasser krabbeln.

 

Am nächsten Tag halten wir die Füße in den indischen Ozean, bevor wir ins Landesinnere abdrehen. Zwei Tage sind es bis Al Mintirib, das am nördlichen Zipfel der Sandwüste Ramlat Al Wahiba liegt. Ein Einheimischer hält an und fragt, ob wir eine Übernachtungsmöglichkeit suchen. Er rollt vor uns her zu seinem Haus. Hier endet die Straße, dahinter fangen sofort die hohen, roten Dünen der Wahiba Sands an. Dies hier ist die Drive-In-Wüste Omans. Wir erklettern die Sandberge und genießen den Ausblick auf ein Meer aus Sand. Übernachtet wird bei unserer Gastfamilie im Schuppen, mit Familienanschluss natürlich, denn die fünf Kinder sind neugierig auf die Fremden.

 

Die Versorgungslage wird dünner. Wir radeln durch eine Mondlandschaft mit bizarren Bergen, die wenigen Autofahrer hupen und winken umso mehr, wenn sie uns bemerken. Ortschaften, Foodstuff Sale (Lebensmittelladen), Restaurant? Fehlanzeige. An einer Kreuzung steht einsam eine Ziegelfabrik. Die pakistanischen Arbeiter laden uns zum Tee ein. Wir erhalten einen kleinen Einblick in die Lebensverhältnisse einfacher Gastarbeiter in Oman. Ein paar Kilometer weiter endlich ein Hinweisschild auf die nahende Tankstelle. Warum das für uns wichtig ist? Es bedeutet Foodstuff Sale, Restaurant und kalte Getränke. Drei Palmen an einer kleinen Piste, die dunklen Berge im Hintergrund, bilden später die Kulisse für unser Nachtlager. Lange sitzen wir am Lagerfeuer und betrachten einen fantastischen Sternenhimmel.

 

Nizwa am Freitag Morgen, Tag des wöchentlichen Tiermarkts. Man merkt es schon am Autoverkehr stadteinwärts, jeder zweite Pick-Up hat Ziegen oder Tierfutter geladen. Auf dem runden Marktplatz führen Verkäufer ihre Tiere im Kreis und preisen ihre Ware lautstark an. Es ist eine malerische Szenerie, aber sie scheint aus einer anderen Zeit zu sein und gar nicht so recht in unser Bild vom modernen Oman zu passen. Je höher die Sonne steigt, umso mehr Touristen bevölkern den Platz. Auch die Souks sind gut besucht, der Park- und Marktplatz im Wadi ist brechend voll. Die Einkäufe müssen bis mittags erledigt sein, denn dann ist Freitagsgebet in der großen Moschee. Tausende Männer in weißen Dishdashas strömen zur Moschee. Auf den Stufen zur Moschee, auf dem Parkplatz daneben, auf der Straße, überall beten die Gläubigen. Das Gebet ist per Lautsprecher in der Stadt zu hören. Ansonsten ist es still, kein Autolärm, kein Hupen, selbst die Vögel sind ruhig. Ein ergreifender Moment.

 

Hinter Nizwa warten die Berge des Hadjar-Gebirges auf uns. Dazu bläst uns ein strenger Wind ins Gesicht. Ackerei ist angesagt. Der Wind zerrt an den Jacken, den Kräften und der Moral. Mit 12 km/h auf gerader Strecke ins Wadi Ghul hinein. Uns steht die Anstrengung ins Gesicht geschrieben, das sieht auch ein Omani im Geländewagen. Er hält an, fragt, ob er uns hinauf zum Jebel Shams bringen soll. Der Geist ist ja willig, aber das Fleisch schwach... 35 km später und viele Höhenmeter höher stehen wir am „Grand Canyon Omans“ und schauen in die tiefe Schlucht. Eine grandiose Landschaft, für die es sich zu mogeln gelohnt hat. Die Abfahrt vom Jebel Shams am nächsten Morgen stellt sich als schweißtreibend heraus, immer wieder bremsen steile Gegenanstiege die Abfahrt jäh ab. Das ist auch gut so, denn so wird uns schnell warm, trotz der vielen Fotostopps.

 

 

 

Fort Jabrin ist ein Wohnschloss aus dem 17. Jahrhundert. Wie das Fort Nizwa ist auch dieses Fort „überrestauriert“, aber trotzdem schön. So schön, dass wir direkt an der Außenmauer unser Zelt aufschlagen. Die Besuchertoiletten sind außerhalb des Museums und frei zugänglich. Der Museumswärter fragt uns am anderen Morgen, ob wir gut geschlafen haben und einen Tee wollen. Wild zelten kann sehr komfortabel sein in Oman.

 

Die Hauptstraße nach Nordwesten hat keinen Randstreifen, leider. 40 km bis zum Abzweig. Es hupen und winken überwiegend Lkw-Fahrer. Ein einziger Laden ist auf der Strecke. Der Besitzer lädt uns erst zum Kaffee ein, schenkt uns dann eine Flasche Wasser und zum Abschied zwei Paar Socken! Wir müssen einen erbärmlichen Eindruck auf ihn machen. Endlich verlassen wir die Hauptstraße nach Norden zu den Bienenkorbgräbern. Vor der Kulisse des markanten Jebel Misht ragen auf einem Hügel die 5.000 Jahre alten Gräber in den stahlblauen Himmel. Kein Hinweisschild, kein Parkplatz, kein Besucherzentrum, keine anderen Touristen. Fasziniert erkunden wir die Grabstätten, die aus unbehandelten Steinen trocken zu runden Hütten aufgeschichtet wurden.

 

Irgendwo vor Bat schlagen wir in einiger Entfernung zur Straße hinter einem Hügel unser Nachtlager auf. Plötzlich halten Autoscheinwerfer auf uns zu, dann eine Taschenlampe. Oje, wir sind ertappt. Was wir hier machen, fragt der Mann, woher wir kommen, ob wir etwas brauchen. Alles gut, antworten wir. Na dann, schönen Abend noch, und weg ist er. So sind die Omanis, freundlich und zurückhaltend.

Der nächste Tag beschert uns zunächst eine viel befahrene Straße (Hupen und Winken, klar), bevor der Abzweig ins Wadi Dank kommt. Es muss einmal wunderschön gewesen sein hier, saftig grüne Palmenhaine und schroffe Berge. Doch in den letzten 10 Jahren hat es viel zu wenig geregnet, klagen die Einheimischen, deshalb sterben viele Palmen ab. Dafür wird jetzt im Wadi eine neue Straße gebaut, und das heißt für uns: Durchrütteln auf der Baustellenpiste. Kurz vor Dank ist endlich Wasser im Wadi, es geht zu wie daheim im Sommer am Baggersee: Kinder baden, Halbstarke protzen mit ihren Autos. Auch wir strecken die Füße ins kühle Nass.

 

Der Ort Dank ist viel kleiner als vermutet, selbst der Lebensmittelladen hat nur wenig im Angebot. Eine Unterkunft? Fehlanzeige, wie oft. Wir sind in einer weiten Ebene, durch die heftiger Wind fegt. Das letzte Gebäude des Orts ist die Stadtverwaltung mit einer Mauer drum herum, die guten Windschutz bietet. Nicht romantisch, aber zweckmäßig zum Zelten. Zu Hause kämen wir nie darauf, neben dem Rathaus unser Zelt aufzubauen. Hier ist das kein Problem.

 

Noch 110 km bis Buraimi. Wir hoffen, dass der Wind erst mittags kommt und brechen früh auf. Wir strampeln durch unwirtliche Wüstenlandschaft. Auf der vierspurigen Autobahn. Mit schlechtem Randstreifen. Keiner hupt und winkt. Wollen wir das? Nein! Daumen raus. Der erste Pick-Up hält an und nimmt uns bis nach Buraimi mit, der Grenzstadt zu den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort holt uns ein Freund ab, der in Abu Dhabi lebt. Hinein in Konsumtempel, Hypermarchés, Nobelboutiquen und künstliche Glitzerwelten. Ach, wie schön und wohltuend anders ist doch Oman!

 

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